Cédric Tiberghien hat den Long-Thibaud-Wettbewerb gewonnen. Das war im Dezember 1998 in Paris. Nun, er hat ihn nicht einfach gewonnen, er hat ihn – bitte verzeihen Sie den etwas saloppen Tonfall – abgeräumt. Denn neben dem eigentlichen Hauptpreis wurden ihm sämtliche fünf Sonderpreise zuerkannt, also auch der Publikumspreis und der Preis für die beste Konzertdarbietung. Seitdem ist er in Frankreich ein Superstar der Klassikszene, und Harmonia Mundi France nahm ihn unter Vertrag, während gleichzeitig alle bedeutenden Orchester und die anderen Veranstalter seines Heimatlandes anfragten. Inzwischen hat sich natürlich auch schon außerhalb Frankreichs herumgesprochen, was Cédric Tiberghien zu leisten vermag. So zählt er zur Zeit zu den prominentesten Vertretern des „New Generation Artists Scheme“ der BBC, was ihm regelmäßige Auftritte mit allen BBC-Orchestern und Klavierabende in den wichtigen britischen Sälen ermöglicht. Nun soll man ja Wettbewerbserfolge (und mithin auch -misserfolge) nicht überbewerten, aber vielleicht sagt die Art seines Triumphes in Paris doch zumindest etwas über die erstaunliche Bandbreite in Cédric Tiberghiens musikalischem Schaffen aus. Nicht nur, dass er jederzeit, aus dem Stehgreif quasi, etwa 50 verschiedene Konzerte aufführen könnte (ja, auch wenn man ihn nachts wecken würde) - das ist durchaus bemerkenswert -, auch die Vielseitigkeit seines Repertoires verblüfft: An einem Abend spielt er den kompletten zweiten Band von Bachs WK (so geschehen bei seinem Debüt in der Wigmore Hall im vergangenen Jahr), und dann setzt er sich wieder mit Sonaten und Interludien von John Cage auseinander. Er bringt Messiaens gewaltige Turangalila-Symphonie beindruckend auf die Bühne (wie zuletzt in der Stuttgarter Liederhalle mit dem Württembergischen Staatsorchester unter Simone Young), um sich dann wieder dem ersten Brahms-Konzert zuzuwenden, dass er nun für Harmonia Mundi France einspielt (begleitet vom BBC Symphony Orchestra unter Jiri Belohlavek). Mit dem Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach verhilft er Ivan Fedeles Klavierkonzert zur Uraufführung, um sich sofort danach mit frühen Beethoven-Variationen zu beschäftigen. All das geschieht mit einem sehr feinen Gespür für den jeweiligen Stil der Musik, mit viel Geschmack. Der „Daily Telegraph“ kommentierte das in Zusammenhang mit seinem Bach-Abend in der Wigmore Hall wie folgt: „Tiberghien knew exactly what he wanted to say about the music, and did so with a blend of boldness, reasoning and inspiration. He plays with passion, seeking out the rich diversity of character that Bach explored in his keyboard writing, crystallising it and communicating it with intensity and subtlety.” Cédric Tiberghien weiß eben, worauf es ankommt.
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