Evgenia Rubinova

"Bach, wie man ihn noch nie gehört hat": Evgenia Rubinova spielte in Böblingen

Am 11. Januar 2008 gastierte Evgenia Rubinova beim 10. Internationalen Pianistenfestival im "CongressCentrum Böblingen". Sie spielte Bachs 6. Partita in e-Moll (BWV 830), Chopins 3. Sonate in h-Moll (op. 58) sowie Rachmaninows "6 Moments Musicaux" (op. 16).

Unter der Überschrift „Bach, wie man ihn noch nie gehört hat“ schrieb Gabriele Müller am 14. Januar 2008 in den „Stuttgarter Nachrichten“ darüber: „Wer Evgenia Rubinovas Konzert hört, weiß spätestens nach dessen Ende, warum der Andrang so groß ist. Die in Taschkent geborene Pianistin spielt Werke von Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin und Sergej Rachmaninow - musikalisch gesehen drei völlig unterschiedliche Welten, die die zierliche Dreißigjährige jedoch mit einer Wahrhaftigkeit und Stimmigkeit gestaltet, die ihresgleichen suchen. Kein Ton ist belanglos, das akustische Erscheinungsbild bei aller Differenziertheit stets geschlossen. Bachs Partita Nr. 6 in e-Moll macht den Anfang. Metallisch hart formt Rubinova die Töne, abgerundet mit sparsam eingesetztem Pedal. Das Ergebnis ist ein Klangbild von transparenter Brillanz, das zugleich voluminöser und weicher ist als Interpretationen auf dem Cembalo. Mühelos lassen sich bei der Toccata die Stimmen innerhalb des polyfonen Gewebes verfolgen, sie schimmern hervor wie Perlenschnüre in einem Stoffgeflecht. Ausdrucksstark, fast lyrisch, schmeichelt die Allemanda dem Ohr, wenngleich dies Worte sind, die einem bei Bach sonst nicht unbedingt als erste einfallen. Erzählerische Qualitäten treten in der Corrente zutage, kraftvoll und gewichtig formt die Pianistin die Air. Tragisch und voller Schmerz legt sie die Sarabande an, leicht und flink das Tempo di Gavotta. Zielstrebig und substanzreich schließt sie mit der Gigue. Fazit: Bach, wie man ihn noch nicht oft gehört hat - aber unbedingt wieder hören möchte. Vollkommen anders, aber mit der gleichen souveränen Sicherheit breitet die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Künstlerin die facettenreiche Gefühlswelt von Frédéric Chopin vor den Ohren des Publikums aus. Auf dem Programm steht die Klaviersonate Nr. 3 in h-Moll. Die emotionalen Qualitäten wechseln fortwährend - und das mitunter atemberaubend schnell. Dennoch erfasst Rubinova sämtliche Nuancen sensibel und bestimmt, gibt ihnen eine fassbare Gestalt und verleiht ihnen einen lebendigen Herzschlag. Wer sich auf diesen Seelensturm einlässt, weiß nicht, wo er zuerst hinhören soll, so präzise macht sie die schillernden Charakterwechsel wahrnehmbar. Die Finger rasen bei den für Chopin typischen, glitzernden Läufen fast schneller über die Tasten, als das Ohr ihnen zu folgen vermag. Ebenso mühelos und unerschrocken füllt Rubinova andere Abschnitte. Packende Spannung, Feuer und Leidenschaft scheinen im Finale auf. Unglaublich ist die Kraft, die in der zart wirkenden jungen Frau schlummert - nicht nur beim Anschlag, sondern vor allem im Geist, der hinter dem Gestaltungswillen steht. Selten sind auf Konzertprogrammen Rachmaninows 6 Moments Musicaux zu finden. Sie wirken so frei und benötigen doch eine besonders sichere Vorstellung des Interpreten, damit sie für die Zuhörer verständlich werden. Wunderbare, individuelle Kleinode formt die Pianistin mit flirrenden Läufen, erregten Arpeggien, erzählenden Melodien und stockender Schwermut, die nie schwerfällig wirkt. Bilder von Regenvorhängen, die der Wind durch dunkle Straßen treibt, oder von in der Stille verlorenen Tönen erwachen in der Fantasie - zum Schluss schwellen Wellen zum klangmächtigen Sturm. Donnernder Applaus, Zugaben. Und Bedauern, dass dieses wunderbare Konzert zu Ende ist.“


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