Arabella Steinbacher mit Christoph von Dohnányi am 5.4.09 in Hamburg

"Wundergeigerin": Arabella Steinbacher gastierte in Hamburg

Arabella Steinbachers große Vorliebe gilt der Musik des 20. Jahrhunderts: Das Violinkonzert von Alban Berg beispielsweise oder die beiden Konzerte von Schostakowitsch, die sie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Andris Nelsons aufgenommen hat, sind Werke, die sie zukünftig gerne häufiger spielen möchte. Auch Gubaidulinas "Offertorium" zählt mittlerweile zu ihrem Repertoire, und sie führte es am 5. und 6. April 2009 mit dem NDR Sinfonieorchester unter Christoph von Dohnányi in der "Laeiszhalle" auf. Die Komponistin war beim zweiten Konzert anwesend.

Peter Krause schrieb dazu am 8. April 2009 in „Die Welt“: „Nicht erst die Herren Marx und Lenin brachten die Religion als Rauschdroge in Misskredit, schon Heinrich Heine befand 1840 mit sarkastischem Unterton: "Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goss, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!"

Seit die Wirkung der Religion zu schwinden begann, schwangen sich die Künste seltsam zeitgleich auf, die Wirkungsmacht jenes Opiums nicht nur zu übernehmen, sondern in der benebelnden Totalität des Gesamtkunstwerks gar noch auf die Spitze zu treiben: Richard Wagner war es, der als greiser Meister des Bühnenweihfestspiels "Parsifal" die Kunst als Religionsersatz und damit auch die Religion neu erfand. Womit er durchaus dialektisch auch noch Marx in seiner Theorie bestätigte, denn des Bayreuthers hehre Kunstreligion sollte nach deren berauschendem Genuss ja auch noch die Revolution der Gesellschaft auslösen, was rückblickend betrachtet ja nicht so ganz gelang.

Als nun aber zu Beginn der Karwoche just Sofia Gubaidulinas Violinkonzert "Offertorium" auf dem Programm des NDR Sinfonieorchesters in unserer Musikhalle stand, kam man kaum umhin, sich die Frage zu stellen, ob denn, wenn die Religion schon ausgedient hat, wenigstens der gut gemeinte Ton noch zum Opium tauge. Oder hat nicht auch im Reich der Tonkunst längst die Entzauberung der Welt Einzug gehalten?

Der Musik von Sofia Gubaidulina, der im Jahr 2007 mit dem Hamburger Bachpreis geehrten Komponistin von Weltgeltung, die schon 1991 in Norddeutschland ihre Wahlheimat und ihren Verleger im Hause Sikorski gefunden hat, ist jedenfalls nur vor ihrem dezidiert religiösen Hintergrund beizukommen. Die 1931 geborene Russin bekennt: "Ernste Musik hat eine wichtige innere Aufgabe. Sie stellt die notwendige Distanz zur Außenwelt her ... Ich persönlich leide unter der Außenwelt. Das Leben ist sehr interessant, aber oberflächlich." Den Hebel, diese Oberfläche aufzubrechen und ihre eigene künstlerisch-religiöse Wahrheit dahinter aufzuspüren, fand die sich lange mit der Komposition von Filmmusik durchschlagende Künstlerin, die auch im kommunistischen Russland nie einen Hehl aus ihrem Glauben machte, in ihrer Musik, die vom Gottesdienst so wenig entfernt ist wie jene Richard Wagners.

In den Kelch bitteren Leides, den die mit Aufführungs- und Reiseverbot belegte Künstlerin in der Sowjetunion über Jahre trinken musste, tröpfelt sie zumal in ihrem an die Abendmahlfeier und den Kreuztod Christi gemahnenden "Offertorium" nun feinste Spuren von Glaube, Liebe und Hoffnung - musikalisches Opium gleichsam, das Heinrich Heine womöglich genauso verspottet hätte wie die Religion an sich. Und dem Karl Marx zweifellos vorgehalten hätte, hier hänge jemand einem illusorischen Glück nach, statt dem Jammertal des Lebens entschieden entgegenzutreten. Es war der jungen Münchner Wundergeigerin Arabella Steinbacher zu danken, dass uns Gubaidulinas Offertoriums-Opium am Montag zwar angemessen betörte, ohne uns aber vollends Sinne und Geist zu verwirren.

Die unprätentiöse, dabei intonatorisch lupenreine und technisch makellose Violinistin bestach vielmehr mit ihrem entschlackten, irisierenden und extra edlen Ton, der uns mit süßen Wunderdüften sanft einhüllte statt uns mit opiumschweren Weihrauchschwaden einzulullen. Arabella Steinbachers nie weinerlicher Passionston, der am Ende des Werks tröstlich aufwärts fahrend gen Himmel zu streben scheint und sich derart entschwebend entmaterialisiert, birgt eine vorösterliche Gewissheit, die sich mit Gubaidulinas musikalischem Konzept durchaus vertragen dürfte.

Im dritten und letzten Satz kehrt schließlich das berühmte, Johann Sebastian Bachs "Musikalischem Opfer" entliehene Thema des Eingangssatzes wieder, in krebsförmig umgekehrter Reihenfolge freilich. "Das Erste wird zum Letzten und das Letzte zum Ersten", so Gubaidulina, die der in die Sprache der Musik übersetzten Vorstellung des christlichen Opfertodes ihren Auferstehungsglauben einschreibt. Eine bewegende Aufführung, der die Komponistin beiwohnte und deren begeisterten Applaus sie gewohnt bescheiden entgegennahm.

Hatte sich der Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, Christoph von Dohnányi neben Arabella Steinbacher als demütiger Diener von Gubaidulinas Violinkonzert erwiesen, nahm er hernach zu Beginn von Tschaikowskys schicksalsschwerer "Fünfter" die erhabene Ruhe des Solokonzerts auf, um sodann die beschwingte Regression des Walzers und das manische Maestoso-Finale wie im Rausch einer heiligen Nüchternheit auszumusizieren.“




Mehr Informationen zum Künstler
Arabella Steinbacher mit Sofja Gubaidulina am 6.4.09 in Hamburg

Arabella Steinbacher mit Christoph von Dohnányi und Sofja Gubaidulina am 6.4.09 in Hamburg

Weiteres
News-Archiv