Alban Gerhardt am 5.7.2010 in München

"...Intelligenz, Tonschönheit, Attacke und gedankliche Freiheit": Alban Gerhardt gastierte in München

Bereits zum dritten Mal gastierte Alban Gerhardt bei den Münchner Philharmonikern. Diesmal stand unter Leitung von Eivind Gullberg Jensen Prokofiews "Symphonisches Konzert" auf dem Programm. Die Konzerte fanden statt am 4., 5. und 6. Juli 2010 in der "Philharmonie am Gasteig".

Harald Eggebrecht schrieb am 5. Juli 2010 in der „Süddeutschen Zeitung“:“Doch gilt es für jeden Spieler, seinen Zugang zu finden, die technischen und geistigen Fähigkeiten vorausgesetzt. Noch etwas ist nämlich schwer, die drei Sätze nicht in mehr oder weniger interessante Episoden zerfallen zu lassen. Alban Gerhardt, einer der weltbesten Cellisten, bewies in der Philharmonie, wie Intelligenz, Tonschönheit, Attacke und gedankliche Freiheit zu einer eigenständigen, souveränen Darbietung führen. Dazu gehört unbedingt ein waches Orchester, als das sich die Münchner Philharmoniker unter dem attraktiven, vor Energie federnden Norweger Eivind Gullberg Jensen erwiesen. So entstand ein musikalischer Roman, 'erzählend' von Bitternis, Schwermut und harten Kämpfen, erfüllt von tiefer Introvertiertheit und grotesken Ausfällen - eine Leistung, die zu Recht Ovationen für alle hervorrief. Gerhardt dankte mit einem virtuos-kauzigen Moderato von Rostropowitsch.“

Und Markus Schäfert merkte am gleichen Tag auf „klassikinfo.de“ an: „Im Team mit dem großartigen Alban Gerhardt brachte Gullberg Jensen die Philharmoniker in Prokofjews Symphonischem Konzert für Cello und Orchester op. 125 immerhin dazu, ihre Kultiviertheit zeitweise aufzugeben und das Geräuschhafte, Spröde der Tonerzeugung auch einmal zuzulassen. Gerhardt spielte dieses von Prokofjew in enger Zusammenarbeit mit Mstislaw Rostropowitsch erarbeitete Konzert mit seinen symphonischen Ausmaßen und fast unzumutbaren technischen Anforderungen mit souveräner Übersicht: die rasenden Sechzehntelketten, die vollstimmigen Doppelgriffe, das Hinaufschrauben in höchste, eigentlich der Violine vorbehaltene Tonhöhen: Gerhardt hexte es hin, als wäre es nichts. Und wo manche Cellisten sich in verlangsamte Tempi flüchten, um das Vertrackte ein wenig erträglicher zu machen, stürmte er unbeeindruckt voran in einer Geschwindigkeit, wie man sie auch aus Rostropowitschs Aufnahmen kennt. Grandios realisierte er damit die für Prokofjew so bezeichnende Mischung aus groteskem Scherz und lyrischer Sehnsucht, die dieses Konzert zu einem der ganz großen in der Celloliteratur machen. Ovationen.“

Thomas Willmann äußerte sich am 6. Juli 2010 im "Münchner Merkur" wie folgt: "Prokofjews Cellokonzert op. 125 ist ein zutiefst dialektisches Stück. Man kann es sehen als Auseinandersetzung zweier Prinzipien: die Mechanik der Tonleitern und Uhrwerk-Rhythmen gegen das beseelte Singen. Zahlloses gäbe es zu loben an der Interpretation durch den Solisten Alban Gerhardt: die geschmeidige Schärfe des Tons, die kontrollierte Verve des Einsatzes, die Virtuosität und die Beredtheit der Kadenz. Das grundsätzlich Großartige aber war, wie weder er noch das Orchester das Werk groteske Grimassen schneiden ließen, sondern sie die geistige Spannkraft hatten, das ständige Für und Wider in aller Komplexität und Logik nachzuvollziehen."

Am 7. Juli 2010 schließlich kommentierte Robert Braunmüller in der "Abendzeitung": "Die wilde Jagd geht über Stock und Stein, durch tiefe Canyons und über hohe Berge. 80 schwerst bewaffnete Orchestermusiker verfolgen in Sergej Prokofjews "Sinfonia concertante" einen einsamen Solisten. Allen Beteiligten, die Hörer eingeschlossen, werden nur wenige Momente lyrischen Verschnaufens gegönnt. Es geht zu wie bei Tom & Jerry: Am Ende dreht das einsame Solo seinen Feinden doch noch eine Nase. Der autobiografische Hintergrund dieses im finstersten Spät-Stalinismus entstandenen Stücks ist mit den Händen zu greifen. Dem Interpreten hilft diese Wissen nicht: Der Cellist muss immer volle Kraft voraus, was nur wenige schaffen. Der gebürtige Berliner Alban Gerhardt meisterte diesen Kraftakt, soweit es in der Philharmonie überhaupt möglich ist, mit emphatischem Ausdruck und technisch souverän über das Orchester zu triumphieren. Der deutsche Sieg über Argentinien habe ihn mitgerissen, verriet Gerhardt in der Matinee am Sonntag, ehe er noch eine Salon-Petitesse des Cellisten Msistlaw Rostropowitsch zugab, der Prokofjew bei der Umarbeitung dieses Konzerts beriet und 1954 die Uraufführung spielte. Kunst und Sport wirken bei diesem Kraftakt wahrhaft zusammen, und die Übertragung der inspirierenden Energie unserer Fußballer soll unseres Wissens auch für eine ähnlich herausragende Aufführung samt Bach-Dessert am nächsten Tag ausgereicht haben."      



Mehr Informationen zum Künstler
Weiteres
News-Archiv