
"...voll inneren Dranges und Expressivität": Gabriel Schwabe musizierte mit der Thüringen Philharmonie
Am 9. und 12. Februar 2012 gastierte Gabriel Schwabe bei der Thüringen Philharmonie. Auf dem Programm stand unter der Leitung von Stefanos Tsialis Schostakowitschs zweites Cellokonzert, das die Musiker in Gotha ("Kulturhaus") und bei einem Gastspiel in Lüdenscheid ("Kulturhaus") darboten. Am 10. Februar 2012 schrieb Julia Stadter in der „Thüringischen Landeszeitung“: „Das Nachwuchstalent Gabriel Schwabe hob in Schostakowitschs zweitem Cellokonzert die klangliche Vielfalt seines Instruments hervor: Solistischer, dunkler Gesang, der von den tiefen Streichern in seiner Trübsinnigkeit aufgegriffen wurde, prägte den Beginn des Largo. In diesem Meer der Tragik, von Seufzerfiguren, Schafottmarsch-Anklängen und entmutigenden Einwürfen des Orchesters geprägt, erstreckte sich Schwabes seelenvolles Spiel. Elegante Leichtigkeit, gar manche Kaprize entlockte er seinem Instrument im zweiten Satz, der den Solisten in ständigem motivischen Kampf gegen die erdrückende Macht des Tutti zeigte: Trommelschläge marterten das sich windende Individuum. Neckisch-tänzerisch versuchte Schwabe dem schroffen Orchesteraufbegehren im dritten Satz entgegenzutreten, voll inneren Dranges und Expressivität. Kleine Trommel und Fanfaren evozierten militärische Enge, das Schellen des Tamburins untermalte die Solokadenz, Verfremdung, Groteske, die Flucht ins Volkstümliche und Sentimentale, Ausbrechen, Rückzug - ganz ohne Worte sprachen Schostakowitschs kompositorische Zwänge unter sowjetischem Regime aus diesem Werk.“
Und Dieter Albrecht kommentierte am 11. Februar 2012 in der „Thüringischen Allgemeinen“: „Künstlerischer Höhepunkt des Abends war das Solokonzert mit dem Cellisten Gabriel Schwabe. Nach Schostakowitschs 1. Violoncellokonzert, das er im November 2010 in der Stadthalle tiefgründig interpretierte, nun also die Nummer 2. Schwabe versucht nicht mal im Ansatz, sich durch sein überragendes technisches Können publikumswirksam zu profilieren, sondern tritt ganz hinter die musikalische Aussage des Komponisten zurück, der sein ganzes Leben lang unter latenter Lebensbedrohung und unterm Diktat eines übermächtigen seelenlosen Herrschaftssystems darum rang, seinen künstlerischen Botschaften Geltung zu verschaffen. Stets war die gleichberechtigte Partnerschaft zwischen dem Solisten und dem von Stefanos Tsialis geführten Orchester spürbar - Virtuosentum hat hier keinen Platz.
Der erste Satz ist eine einzige Klage, die von tiefen Streichern eindrucksvoll vorgetragen wird. Episoden in schneidendem Diskant intonieren heftigsten Schmerz, und dumpfe Schläge der großen Trommel symbolisieren die kalt-unerbittliche Macht des diktatorischen Regimes. Dieses Spätwerk, dessen Orchestersatz stets durchsichtig bleibt, erreicht, indem es die kompositorischen Mittel stets konzentriert einsetzt, ein Höchstmaß an seelischem Ausdruck. Selbst eine kurze tänzerische Episode im 2. Satz ist weit entfernt von irgendwelcher Unbeschwertheit. Und wenn zu den harten Schlägen der kleinen Trommel höhnisch die Hörner ertönen, wird das Grauen plastisch greifbar. Nachdem der dritte Satz, ähnlich wie die 15. Sinfonie,Schostakowitschs letzte, in den Unendlichkeiten der Einsamkeit verklungen ist, steht man erschüttert vor diesem menschlichen Zeugnis einer geschundenen Seele. Dass danach trotz des heftigen Applauses jede Zugabe nur läppisch gewirkt hätte, wusste auch der Solist - also gab es keine.“
Außerdem merkte Horst Gröner am 11. Februar 2011 in der „Gothaer Tagespost“ an: „Im Zentrum des jüngsten Anrechtskonzertes der Thüringen Philharmonie Gotha stand das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 126 von Dmitri Schostakowitsch. Wie bereits im Jahr 2010 mit dem ersten Cellokonzert von Schostakowitsch war auch jetzt wieder der junge Gabriel Schwabe als Solist zu erleben. Den glänzenden Eindruck, den er damals hinterließ, bestätigte er auch dieses Mal mit einer faszinierenden künstlerischen Leistung. Nicht nur, dass in diesem Werk das Soloinstrument fast ständig gefragt war, dieses Konzertstück schöpfte vor allem beim Soloinstrument aus der Gegensätzlichkeit von melodiösen und atonalen Passagen.
So gab es im ersten Satz "Largo" einen Dialog mit den tiefen Streichern, bei dem das Cello konsequent sein Thema durchzog. Oder hier auch wie ein trotziges Aufbäumen der Widerspruch zum Xylophon (Gunnar Pfeiffer), zu den Staccati des Orchesters oder die Schläge der großen Trommel. Im tänzerischen "Allegretto" des zweiten Satzes wurden die wild bewegten Figuren des Cello vom Orchester eindrucksvoll untermalt. Nach einem kurzen Interludium von Hörnern und kleiner Trommel übernahm wieder das Cello die Führung, mit einem elegischen Übergang zur Apokalypse des dritten Satzes "Allegretto", der in einem versunkenen, fast schon skurril wirkenden Ende mündete. Dieses Konzert schuf Schostakowitsch in enger Kooperation mit dem befreundeten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, dies macht die Dominanz des Soloinstrumentes verständlich. Doch was an diesem Stück vom Publikum mindestens ebenso begeistert aufgenommen wurde, war die äußerst präzise Abstimmung des Orchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Stefanos Tsialis in den teils wahnwitzigen Dialogen mit dem Solisten. Diese Seelenausbrüche mitzuerleben, war eine Klasse für sich.“
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