Alban Gerhardt spielt russische Sonaten, FAZ vom 23.1.2007

"...das muss man gehört haben."

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 23. Januar rezensiert Eleonore Büning die Schostakowitsch-CD von Alban Gerhardt und Steven Osborne. Unter der Überschrift "Alban Gerhardt spielt russische Sonaten" schreibt sie:

"Aus einem todlustigen Drehwurm hat Dmitri Schostakowitsch das Scherzo seiner Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40 geschnitzt. Das Stakkato im Klavier erinnert an das Knochenklappern eines Xylophons. Durch die Flageolett-Phrasen des Cellos im Trio spuken schlimme Schatten. Nach nur dreieinhalb Minuten ist die Sache vorbei: blitzkurz, boshaft, dieses Tänzchen. Für die langsame Einleitung des folgenden Largos aber erfand Schostakowitsch eine Art unendliche Melodie. Sie beschreibt einen großzügigen Bogen aufwärts: ein Cellorezitativ, nur von wenigen akkordischen Klavierstützpfeilern gehalten. Kaum, dass man bemerkt, wie die Phrase zu Ende geht, schon beginnt sie wieder von vorne. Alban Gerhardt spielt dieses Quasi-Rezitativ nur mit halber Lautstärke, als sei es beiseitegesprochen, in die Kulisse gesagt. Das Klagelied, das danach anhebt, wird dann blühend und herrlich aus voller Cellobrust gesungen, mit der Leidenschaft des vibratoreich großen Tons - schließlich ist die Verwandtschaft mit dem Lied der Gefangenen aus der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" nicht zu leugnen. Großes Pathos, scharfe Groteske sind kein Widerspruch in dieser Kammermusik. Sie ist 1934 entstanden, im selben Jahr, als auch die "Lady" herauskam, die dann dem Komponisten wenig später die Ungnade Stalins einbrachte sowie auf lange Sicht äußere Repressalien, innere Emigration. Weil nun aber diese d-Moll-Sonate überhaupt das erste größere Kammermusikwerk von Schostakowitsch war, das er selbst gelten ließ; weil sie zugleich - viersätzig, sonatenformtreu, mit regelgerechten Reprisen - eindeutig konservativ-romantisierende Züge trägt und alles Revoluzzerhafte darin scheinbar abgelegt ist; deshalb ist auch die Versuchung groß, sie für ein frühes Zeugnis des biographisch-kompositorischen Rückzugsgefechts zu nehmen - und entsprechend kontrastbetont zu interpretieren.

Der famose junge Berliner Cellovirtuose Alban Gerhardt und sein Klavierbegleiter Steven Osborne übertreiben es damit nicht. Ihre Lesart bleibt differenziert, stets näher an der Klangrede des Notentextes als an außermusikalischen Einflüsterungen. Der Fächer der Ausdrucksvarianten ist bewundernswürdig breit, die rhythmische Präzision und die klug ausbalancierte Dynamik im Zusammenspiel ebenso beeindruckend wie die Palette der pianistischen und cellistischen Klangfarben. An dieser Darbietung stimmt einfach alles. Einleuchtend klar gestaltet das Duo auch die 1978 für Nathalia Gutman komponierte Cellosonate von Alfred Schnittke, mit der tristen Zwölftonfolge zu Beginn und der drohend sich zum Sturmwind türmenden Presto-Motorik inmitten. Wie das Duo sich hingibt an diesen tödlichen Dauerlauf und dennoch stets auf Schönheit der Tongebung beharrt, das muss man gehört haben. Und die kleinen "Zugaben" dieses Albums? Jede für sich genommen ein Gedicht."


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